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Herthasee Rügen: Slawenburg und düsteren Mythen

  • MarioBielitz
  • 19. Juni 2026 um 14:00
  • 85 Mal gelesen
  • 9 Antworten
Der Herthasee auf Rügen - Dunkle Geheimnisse und Mythen (Bild mit KI-generiert)
Tief im Buchenurwald der Halbinsel Jasmund verbirgt sich der Herthasee – ein Gewässer, das wie kaum ein zweites auf Rügen die Fantasie beflügelt. Eingebettet in die mächtigen Erdwälle einer alten slawischen Befestigungsanlage, zieht der dunkle See Besucher seit Jahrhunderten in seinen Bann. Doch abseits der romantischen Sagen um blutige Opferrituale und die Göttin Hertha ist die wahre Entstehungsgeschichte ein faszinierendes Zeugnis unbändiger Naturkräfte. Erfahre hier, wie eiszeitliche Gletscher, beständiger Regen und ein gewaltiger unterirdischer Einsturz diesen seltenen Karstsee formten und warum er bis heute ein absolutes geologisches Highlight im Nationalpark Jasmund ist.
Inhaltsverzeichnis [VerbergenAnzeigen]
  1. Einleitung: Das dunkle Auge der Stubnitz
  2. Die geologische Geburt: Eiszeit, Kreide und unsichtbare Kräfte
    1. Wie das Wasser den Stein aushöhlte
    2. Der Tag, an dem die Erde einbrach
  3. Fotografie & Praxis: Geheimtipps für Deinen Besuch
  4. Der Insel-Mythencheck: Sagen vs. Realität
  5. FAQ: Die 10 häufigsten Fragen zum Herthasee
  6. Fazit & Community-Aufruf
  7. Medien-Empfehlungen zum Weitergraben
  8. Quellen & historische Einordnung

Inhaltsverzeichnis

  • Einleitung: Das dunkle Auge der Stubnitz
  • Die geologische Geburt: Eiszeit, Kreide und unsichtbare Kräfte
  • Wie das Wasser den Stein aushöhlte
  • Der Tag, an dem die Erde einbrach
  • Fotografie & Praxis: Geheimtipps für Deinen Besuch
  • Der Insel-Mythencheck: Sagen vs. Realität
  • FAQ: Die 10 häufigsten Fragen zum Herthasee
  • Fazit
  • Medien-Empfehlungen zum Weitergraben
  • Quellen & historische Einordnung

Einleitung: Das dunkle Auge der Stubnitz

Wenn Du die dichten Pfade des Nationalparks Jasmund durchquerst, vorbei an jahrhundertealten, knarzenden Buchen, verändert sich plötzlich die Akustik. Der Wald scheint den Atem anzuhalten. Vor Dir öffnet sich eine fast kreisrunde Senke, eingefasst von enormen, von Menschenhand geschaffenen Erdwällen. Unten ruht ein Gewässer, dessen Oberfläche meist so dunkel und spiegelglatt ist, dass sie wie polierter Obsidian wirkt: der Herthasee.

Es ist ein Ort, der eine eigentümliche Schwere besitzt. Hier, nur einen Steinwurf vom strahlend weißen Königsstuhl entfernt, tauchst Du in die mystische Schattenseite Rügens ein. Nebelschwaden verfangen sich oft in der Senke, und es fällt nicht schwer zu verstehen, warum Generationen von Menschen diesen Ort mit Gottheiten, Ritualen und unerklärlichen Phänomenen aufgeladen haben. Doch um das Wesen des Herthasees wirklich zu begreifen, müssen wir den dichten Nebel der Folklore für einen Moment beiseite wischen und in die Tiefe schauen – dorthin, wo die wahren, geologischen Urgewalten der Insel Rügen verborgen liegen.

Die geologische Geburt: Eiszeit, Kreide und unsichtbare Kräfte

Um die Naturgeschichte dieses Ortes zu verstehen, müssen wir die Uhr um Jahrtausende zurückdrehen – weit vor die Zeit der Slawen oder germanischen Stämme. Der Herthasee ist primär das Resultat gewaltiger klimatischer Dynamiken.

Die gesamte Halbinsel Jasmund, auf der Du stehst, ist geologisch betrachtet ein sogenannter Kreidehorst. Während der letzten großen Kaltzeit (der Weichsel-Kaltzeit) schoben sich kilometerdicke Eismassen von Skandinavien südwärts. Diese Gletscher wirkten wie gigantische Bulldozer: Sie drückten das tiefliegende weiße Kreidegestein aus dem Untergrund empor, stauchten, falteten und zerklüfteten es.

Insel-Fakt 1: Die Kreidefelsen auf Rügen sind nicht einfach dort gewachsen. Sie wurden durch den unvorstellbaren Druck der weichselkaltzeitlichen Gletscher regelrecht aus dem Untergrund herausgepresst und in Schollen aufgeworfen.

Als das Eis schmolz, hinterließ es über diesem deformierten Kreidefundament mächtige Schichten aus Sand und Geschiebemergel. Diese pleistozänen Sedimente formten die unregelmäßige, hügelige Landschaft der Stubnitz, wie wir sie heute beim Wandern erleben.

Wie das Wasser den Stein aushöhlte

Der Herthasee ist in dieser weitläufigen Waldlandschaft eine absolute geomorphologische Rarität. Er ist das einzige dauerhaft wassergefüllte Becken in der gesamten Stubnitz. Fachleute bezeichnen ihn als Erdfallsee, Karstsee oder Subrosionssenke. Aber wie entsteht so etwas mitten im Wald?

Die Antwort fällt – buchstäblich – vom Himmel. Das Gebiet um den Jasmund verzeichnet mit rund 760 Millimetern pro Jahr eine der höchsten Niederschlagsmengen in ganz Mecklenburg-Vorpommern.

Insel-Fakt 2: Da die oberflächliche Humusschicht im Jasmund über dem Kreidegestein extrem dünn ist, kann das Regenwasser kaum an der Oberfläche gespeichert werden. Ein enormer Teil sickert unaufhaltsam in die Tiefe.

Dieses beständig sickernde Grund- und Schichtenwasser ist leicht sauer. Wenn es auf den weichen Kalkstein (die Kreide) trifft, wirkt es kalklösend. Im Laufe von Jahrhunderten wusch dieses Wasser tief im Untergrund unbemerkt Hohlräume und weitläufige Karsthöhlen in das Kreidegestein. Ein stiller, unsichtbarer Prozess, der die Statik des Bodens massiv schwächte.

Der Tag, an dem die Erde einbrach

Vor schätzungsweise etwas mehr als 1.500 Jahren kam es dann zur geologischen Katastrophe. Die Decke über einer dieser gewaltigen, unterirdischen Auswaschungen konnte das Gewicht der darüberliegenden Erde nicht mehr tragen – und gab nach.

Das Deckgebirge brach schlagartig ein und riss Tonnen von Sand- und Mergelschichten mit in die Tiefe. Das Resultat dieses plötzlichen Einsturzes, den Geologen als Kollapsstruktur oder Erdfall bezeichnen, war eine fast kreisrunde, steil abfallende Senke.

Insel-Fakt 3: Erdfallseen sind selten, aber nicht einmalig. Eine vergleichbare geologische Kollapsstruktur in Deutschland ist das Große Heilige Meer in Westfalen, das durch ganz ähnliche Subrosionsprozesse im Untergrund entstand.

Im Laufe der Zeit füllte sich dieser gewaltige Trichter mit Grund- und Niederschlagswasser. Durch seine steilen Ränder und die enorme Tiefe verlandet der Herthasee – im Gegensatz zu flachen Söllen oder Tümpeln – nicht so schnell.

Fotografie & Praxis: Geheimtipps für Deinen Besuch

Als Fotograf und Naturfreund bietet Dir der Herthasee Motive abseits der klassischen Postkarten-Perspektiven. Hier sind meine ganz persönlichen Empfehlungen für Deinen Trip:

  • Das magische Licht: Meide die Mittagszeit. Wenn die Sonne senkrecht steht, wirkt der See oft flach und das Licht im Wald ist zu hart. Die beste Zeit ist der frühe Morgen, besonders im späten Herbst (Ende Oktober/Anfang November). Wenn der Frühnebel über dem dunklen Wasser liegt und die Buchen in leuchtendem Kupfer erstrahlen, fängst Du die wahre Seele des Ortes ein.
  • Ausrüstungs-Tipp: Nimm unbedingt einen Polfilter (Polarisationsfilter) mit. Das Wasser des Sees spiegelt den oft dunklen Wald extrem stark. Mit dem Filter kannst Du die Reflexionen kontrollieren und die bedrohliche Schwärze des Gewässers perfekt betonen.
  • Der Blick für das Detail: Achte nicht nur auf das Wasser. Die extrem steilen, oft mit Moos und bizarren Wurzeln überzogenen Hänge hinab zum See sind ein grandioses Zeugnis des einstigen Erdfalls.
  • Ruhe genießen: Der Herthasee liegt direkt am Hauptweg zwischen dem Großparkplatz Hagen und dem Königsstuhl. Komm vor 09:00 Uhr morgens, dann gehört die Stille Dir allein, bevor die Tagesausflügler eintreffen.

Insel-Fakt 4: Der dunkle, fast schwarze Farbton des Herthasees entsteht nicht durch unermessliche Tiefe, sondern durch die fehlende Wasserzirkulation und die am Grund liegende, mächtige Schicht aus verrottendem Buchenlaub, das Huminsäuren an das Wasser abgibt.

Der Insel-Mythencheck: Sagen vs. Realität

Wir Rügen-Fans lieben unsere Sagen. Aber auf inselpuls.de schauen wir auch gerne hinter die Kulissen. Trennen wir also den historischen Fakt vom Seemannsgarn.

Mythos 1: Im Herthasee opferte die germanische Göttin Hertha ihre Diener. Die Realität: Dies ist wohl der berühmteste Irrtum der Inselgeschichte. Der römische Historiker Tacitus schrieb einst über den Kult der Erdgöttin Nerthus (später oft fälschlich Hertha genannt), die auf einer Insel im Ozean in einem heiligen See ihre Sklaven ertränken ließ. Romantisch veranlagte Gelehrte des 17. und 18. Jahrhunderts projizierten diesen Text kurzerhand auf Rügen und speziell auf diesen See. Historisch ist das völlig unhaltbar. Die Namensgebung Herthasee und Herthaburg ist eine pure Erfindung der Neuzeit.

Mythos 2: Der See ist bodenlos. Die Realität: Weil das Wasser so dunkel ist und die Ufer extrem steil abfallen, hielt sich lange das Gerücht, der See habe keinen Grund. Wissenschaftlich ist das längst widerlegt. Der Erdfallsee ist tief (etwa 11 Meter in der Mitte), aber keinesfalls bodenlos. Die tiefe Sedimentschicht aus Laub dämpft Echolote, was in der Vergangenheit oft zu Messfehlern und wilden Spekulationen führte.

Mythos 3: Die gigantischen Wälle um den See wurden für ein Heiligtum aufgeschüttet. Die Realität: Die gewaltigen Wälle (die sogenannte Herthaburg) stammen aus der Slawenzeit (8. bis 12. Jahrhundert). Es handelte sich dabei aber nicht um ein primär sakrales Heiligtum, sondern um eine strategisch exzellent platzierte Fluchtburg. Die Ranen (der slawische Stamm auf Rügen) nutzten schlichtweg die geniale natürliche Topografie des Erdfallsees: Der steile Trichter des Sees bildete eine natürliche Barriere, die sie nur noch durch Erdwälle an den flacheren Seiten ergänzen mussten, um eine schwer einnehmbare Festung zu erschaffen.

Insel-Fakt 5: Die slawischen Erdwälle um den Herthasee ragen heute noch bis zu 17 Meter hoch auf. Man schätzt, dass die damaligen Baumeister tausende Tonnen Erde und Holz bewegen mussten – ein gigantischer Kraftakt ohne moderne Maschinen.

FAQ: Die 10 häufigsten Fragen zum Herthasee

  • Kostet der Herthasee Eintritt? Nein. Der See und die umgebende Wallanlage liegen frei zugänglich im Nationalpark Jasmund. Lediglich für das nahegelegene Nationalpark-Zentrum am Königsstuhl fällt Eintritt an.
  • Wo parke ich am besten? Der ideale Ausgangspunkt ist der Großparkplatz im Ortsteil Hagen (Gemeinde Lohme). Von dort führt ein wunderbarer Wanderweg durch den Wald.
  • Wie weit ist es vom Parkplatz zum See? Von Hagen aus wanderst Du etwa 2,5 bis 3 Kilometer durch den herrlichen Buchenwald (ca. 45 Minuten Fußweg).
  • Sind Hunde erlaubt? Ja, absolut! Da Du Dich aber mitten im sensiblen Nationalpark Jasmund befindest, besteht eine strikte Leinenpflicht zum Schutz der Wildtiere.
  • Darf man im Herthasee baden? Streng verboten. Der See ist ein empfindliches Ökosystem und geologisches Naturdenkmal. Zudem wären die extrem steil abfallenden, rutschigen Ufer lebensgefährlich.
  • Ist der Weg barrierefrei? Leider nein. Die Wege dorthin sind geschotterte oder naturbelassene Waldwege mit teils starken Wurzelaufbrüchen. Für Rollstühle oder schmale Kinderwagen ist die Strecke sehr beschwerlich bis ungeeignet.
  • Gibt es dort Toiletten? Direkt am See nicht. Die nächsten sanitären Anlagen findest Du am Großparkplatz Hagen oder im Nationalpark-Zentrum Königsstuhl.
  • Darf ich dort mit dem Fahrrad fahren? Die direkten kleinen Abzweigungen an den Wallanlagen und hinab zum See sind Fußgängern vorbehalten. Die Hauptwege durch den Nationalpark sind jedoch für Radfahrer freigegeben (bitte auf Schilder achten).
  • Wie weit ist es vom See zum Königsstuhl? Es ist nur noch ein ganz kurzer Spaziergang. Vom Rand der Herthaburg bis zum Besucherzentrum am Königsstuhl sind es nur noch wenige hundert Meter.
  • Wann ist die beste Jahreszeit für einen Besuch? Geologisch ist der See immer interessant, aber atmosphärisch ist der Herbst unschlagbar. Wenn das Buchenlaub den Waldboden bedeckt und die Luft feucht ist, spürst Du die Geschichte des Ortes am intensivsten.

Fazit & Community-Aufruf

Der Herthasee ist weit mehr als nur ein Tümpel im Wald. Er ist ein offenes Buch der Erdgeschichte. Er erzählt von massiven Gletschern, die den Jasmund formten, von saurem Wasser, das den Kreidefels im Untergrund zernagte, und von einem gewaltigen Einsturz, der der Insel einen ihrer faszinierendsten Orte schenkte. Dass die slawischen Ranen diesen Ort später für ihre imposante Burg nutzten und spätere Generationen ihn mit Mythen aufluden, macht ihn nur noch spannender.

Warst Du schon einmal am Herthasee? Hast Du die bedrückende, faszinierende Stille dort selbst gespürt? Vielleicht ist Dir sogar ein geniales Foto bei Nebel gelungen?

Teile Deine Eindrücke mit uns! Ich lade Dich herzlich ein, Deine Fotos, Gedanken oder eigenen Erlebnisberichte in den Kommentaren mit uns zu teilen! 👇🏻

Medien-Empfehlungen zum Weitergraben

Literatur-Tipps (Absolut fundiert):

  • Rügen – Ein geologischer Führer von Rolf Reinicke (Das Standardwerk schlechthin, wenn Du die Entstehung der Insel im Detail verstehen willst).
  • Rügens Kreideküste von Rolf Reinicke (Wunderschöne Einblicke in die Geologie und Natur des Jasmund).
  • Sagen und Märchen von der Insel Rügen von Alfred Haas (Der Klassiker für alle, die sich für die traditionelle Rügen-Folklore, inklusive der Hertha-Sagen, interessieren).

YouTube-Suchbegriffe für exzellente Dokus: Suche auf YouTube einfach mal exakt nach diesen Phrasen, um tief in die Inselwelt einzutauchen:

  • Nationalpark Jasmund Dokumentation
  • Geologie Rügen Kreidefelsen Entstehung
  • Slawen auf Rügen Geschichte

Quellen & historische Einordnung

  • Geologische Daten & Analysen zur Weichsel-Kaltzeit und pleistozänen Sedimenten auf Rügen.
  • Klimadaten Mecklenburg-Vorpommern (Niederschlagsmengen Jasmund).
  • Untersuchungen zur Karsthydrogeologie und Subrosionsprozessen an der deutschen Ostseeküste.
  • Archäologische Befunde zur slawischen Besiedlung der Stubnitz (Herthaburg).
  • Historische Rekonstruktion zur Fehlinterpretation der Germania des Tacitus (Nerthus-Kult).
  • Herthasee
  • Hertha
  • Jasmund
Der "Rasende Roland" auf Rügen

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Klaus Stoertebeker

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Antworten 9

hansamlaufen
21. August 2026 um 13:48

Am Herthasee war ich schon ein paarmal zu Fuß unterwegs – gerade bei Nebel hat die Ecke wirklich eine ziemlich düstere Stimmung. Die Verbindung von Slawenburg, Wald und den alten Sagen passt da natürlich bestens.

siegfried01
24. August 2026 um 08:13

Die Herthaburg wird ja gern als „Slawenburg“ bezeichnet, archäologisch ist diese Einordnung aber nicht ganz so eindeutig. Der Ringwall dürfte aus einer älteren eisenzeitlichen beziehungsweise frühgeschichtlichen Befestigung hervorgegangen sein; eine ausschließlich slawische Entstehung lässt sich meines Wissens nicht sicher belegen.

Die düsteren Geschichten passen natürlich hervorragend zu diesem Ort. Der schwarze Herthasee, der dichte Buchenwald und die relativ abgeschiedene Lage haben schon früh die Fantasie beflügelt. Die Sage von der Göttin Hertha, die mit einem von weißen Kühen gezogenen Wagen über die Insel gezogen sein soll, wurde später wohl auch mit älteren religiösen Vorstellungen vermischt. Besonders eindrucksvoll finde ich, dass man dort selbst bei hellem Wetter schnell eine etwas unheimliche Stimmung wahrnimmt – vor allem, wenn kaum andere Wanderer unterwegs sind.

Wichtig ist aus meiner Sicht, Sage und Befund nicht völlig gleichzusetzen. Der See ist kein eindeutig nachgewiesener germanischer Kultplatz, und auch die oft erzählte Opfer- oder Versenkungsgeschichte gehört eher in den Bereich der Überlieferung. Trotzdem sagt gerade die Vielzahl der Erzählungen viel darüber aus, wie ungewöhnlich dieser Platz auf Besucher gewirkt haben muss.

hansamlaufen
28. August 2026 um 17:19

Ja, die Bezeichnung „Slawenburg“ ist wahrscheinlich eher eine eingängige Kurzform als ein sauberer archäologischer Befund. Vor Ort merkt man ohnehin zuerst, wie stark die Landschaft wirkt: Der Weg am See entlang, die hohen Buchen und dieser dunkle Wasserspiegel – da braucht es gar nicht viel Fantasie für Hertha-Sagen.

Ich laufe dort am liebsten früh morgens hin, wenn noch kaum jemand unterwegs ist. Wobei ich mich frage, ob die düstere Stimmung früher wirklich nur aus den Erzählungen kam oder ob der See und der Wald die Sagen überhaupt erst hervorgebracht haben.

ziggie
14. September 2026 um 08:17

Das ist wahrscheinlich beides: Die Landschaft liefert den Stoff, und die Erzählungen legen dann noch einen dunklen Schleier darüber. Der schwarze, fast abgeschlossene See und der Buchenwald müssen auf Menschen schon immer eindrucksvoll gewirkt haben – besonders, wenn man sich vorstellt, wie still es dort früher gewesen sein muss. Nebel und Dämmerung erledigen dann den Rest, moin.

Bei der Hertha selbst lohnt sich allerdings eine kleine Unterscheidung: Tacitus berichtet im 1. Jahrhundert von der germanischen Göttin Nerthus, die in einem heiligen Hain verehrt worden sein soll. Die Verbindung zu Rügen und zum Herthasee ist deutlich jünger und wohl stark durch romantische Geschichtsbilder geprägt. Aus Nerthus wurde in der Überlieferung Hertha, und aus dem See ein Ort, an dem man diese alte Göttin besonders gern verortete. Einen antiken Beleg, dass ihr Heiligtum tatsächlich dort lag, gibt es meines Wissens nicht.

Ähnlich vorsichtig sollte man bei der Herthaburg bleiben. Der Wall ist ohne Zweifel ein spannender archäologischer Platz, aber „Slawenburg“ klingt eindeutiger, als die Befundlage es hergibt. Gerade solche Orte wurden später gern mit den Ranen, alten Göttern und Menschenopfern verbunden. Das sagt dann mindestens ebenso viel über die Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts aus wie über die tatsächliche Nutzung des Platzes.

Ich finde, gerade dieses Ineinander von Landschaft, archäologischen Spuren und späteren Sagen macht den Reiz aus. Man sollte die Sage nicht als wörtlichen historischen Bericht nehmen, aber auch nicht als bloße Erfindung abtun – sie gehört inzwischen selbst zur Kulturgeschichte des Ortes. Kennt jemand eigentlich ältere schriftliche Belege für den Namen „Herthasee“, oder taucht die Bezeichnung erst im Zuge dieser romantischen Deutung auf?

Gogo
21. September 2026 um 08:13

Genau diese Trennung finde ich wichtig: Nerthus bei Tacitus ist nicht automatisch die Hertha vom Herthasee. Die Gleichsetzung mit Rügen und der Herthaburg wurde wohl erst viel später populär, als man alte Überlieferungen, Landschaft und romantische Vorstellungen miteinander verbunden hat. Historisch belegt ist damit noch kein Nerthus-Kult an diesem See – aber als spätere Sage ist die Verbindung natürlich ziemlich wirkungsvoll.

Wenn ich früh morgens vom Parkplatz bei Hagen Richtung Herthasee gehe, merkt man sofort, warum sich solche Geschichten festsetzen konnten: kaum Wind, dunkle Wasserfläche, dieses gedämpfte Buchenlicht. Nebel dort ist fotografisch stark, aber ich bleibe auf den Wegen – der Wald gehört zum Nationalpark, und gerade die stillen Ufer sollte man in Ruhe lassen.

Alex
29. September 2026 um 18:23

Genau, die Wirkung entsteht wohl aus dem Zusammenspiel von Landschaft und späterer Deutung. Als historischer Beleg für einen Nerthus-Kult taugt der Herthasee nicht, aber die alte Erzählung macht den Ort für viele Besucher überhaupt erst lesbar. Ich erlebe das bei Gästen oft: Erst kommen sie wegen der Sage, und dann bleiben ihnen vor allem die Ruhe, der Wald und der See im Kopf.

Ich war einmal kurz vor Saisonbeginn dort, noch bevor die ersten Ausflugsbusse kamen – da war diese Stille tatsächlich fast beklemmend. Gleichzeitig sollten wir aufpassen, den Ort nicht nur als „düsteren Mystik-Hotspot“ zu vermarkten. Für den Wald und auch für die Anwohner ist es wichtig, dass Besucher auf den Wegen bleiben und den See nicht mit immer neuen Sensationsgeschichten überladen.

waterman05
10. Oktober 2026 um 17:55

Mit dem Rad ist der Herthasee sowieso eher ein Ziel zum Abstellen als zum Durchfahren. Von Hagen aus geht es auf festen Waldwegen Richtung Königsstuhl, aber der eigentliche Abstecher zum See ist stellenweise wurzelig und schmal – da schiebe ich lieber ein Stück. Im Nationalpark sollte man auf den markierten Wegen bleiben, gerade bei Nässe wird das schnell rutschig.

Was ich dort interessant finde: Die „Düsternis“ ist nicht nur eine Sache der Sage, sondern auch des Waldes. Selbst bei hellem Wetter kommt am See kaum direktes Licht aufs Wasser, und bei Windstille wirkt die Fläche fast wie abgeschnitten vom Rest der Welt. Fährt man dagegen vom Sassnitzer Raum über die Hochuferwege, hat man ständig Weite, Wind und Ostsee – der Kontrast zum stillen Herthasee ist schon auffällig.

Bei der Vermittlung vor Ort würde ich deshalb ebenfalls stärker zwischen archäologischem Befund, späterer romantischer Deutung und echter Landschaftserfahrung unterscheiden. Die Herthaburg bleibt dadurch ja nicht weniger spannend. Im Gegenteil: Gerade dass wir den Nerthus-Bezug nicht einfach als historische Tatsache verkaufen können, macht die Geschichte doch interessanter.

Seid ihr schon einmal bei richtigem Herbstwetter dort gewesen? Ich finde, bei Nebel und nassem Laub wirkt der Ort deutlich eindrucksvoller als im Hochsommer – oder ist das nur mein Fahrradfahrer-Blick auf möglichst leere Wege?

waterman05
23. Oktober 2026 um 16:28

...fährt man danach weiter Richtung Königsstuhl, merkt man den Kontrast schön: oben auf den offenen Abschnitten viel Wind und Weite, unten am Herthasee fast völlige Abgeschiedenheit. Ich würde aber nicht den ganzen Weg als „fest“ verkaufen – nach Regen sind die Waldpassagen teils tiefer Matsch, und mit schmalen Reifen macht das wenig Spaß. Rad besser am Abzweig stehen lassen und die letzten Meter zu Fuß gehen.

Bei der Herthaburg bin ich außerdem immer vorsichtig mit der Bezeichnung. Der Wall ist als Geländespur interessant, aber aus dem Befund lässt sich eben nicht automatisch eine Kultstätte der Nerthus oder Hertha machen. Weiß jemand, ob dort aktuell noch erklärende Tafeln zur archäologischen Einordnung stehen? Früher war mir das vor Ort etwas zu sehr Sage und etwas zu wenig sauber getrennt.

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